ALS KASSEL NOCH EN KLEENES NEST

von Gustav Weber

zur Melodie "Der kreuzfidele Kupferschmied" von Carl Peter.

Die Midi-Datei stammt von Volksmusik.at, herzlichen Dank für die freundliche Genehmigung! Dort gibt es auch die Noten und Akkorde zum Selberspielen.

Schallplatte "Als Kassel noch'n ahles Nest" von der Kreissparkasse Kassel

Als Kassel noch en kleines Nest, das äss schunt lange her,
De "Fulda" damals "Fulle" hieß, das weiß me heit nit mehr,
Ne Wasserleitung gab's noch nit, wie jetz in jedem Huss,
Zum Wasserholen mußte dann d's Karline owends nus.

Am zweiten Pingstdag, wie bekannt, do ging's noh Willemsheh,
Elektrische, die gab's noch nit, ze Fuß ging's in de Heh.
De "Ahle" wurde mitgeschleift, se machte korzen Schritt,
De Kinner brachten Leiwerchen un Frikadellen mit.

De Wecke waren friehrer Zitt gerad nochmoh so groß,
Gewogen sinn se domols nit, es ging noh ahlem Moß.
"Bariser" gab's biehm Buchenhorst, vor'n Silwergroschen drei,
De Bäckerdaxe machte doch noch unse Bollezei.

En Schwinnehirt gab's frieher noch, den Ahlen wohl bekannt,
Der "Schinkenwillem" wurde hä bieh uns korzweck genannt.
Hä ging mit sinnen Schwinnerchen recht liebedätschig um,
Denn sinne liewen "Kinnerchen" die waren nit so dumm.

Au Druselplanzen gab's bieh uns, im Drusldormer Deich,
Von Fischen war zwar nix ze sehn, nur recht vähl Frosche-Leich.
Wann's brennen dahd un's dudede der Nachtwächter vom Dorm,
Dann lief der Druseldeich glich us, un drinne blieb kinn Worm.

Das Reiwernest, de "Kattenborg" do gab's so manchen Feez,
Do kroffen mäh un kledderden, fiel mancher uff'n Deetz.
Mäh rutschden dann un krabbelden bis an das Fehmgerichd,
Un wer sich doh nit hingewagt, der war en armer Wichd.

En jeder Birger schlachdede au domols noch sinn Schwinn,
Bieh'm Schlachden gabs ne Kieweschelle ahlen Branntewinn.
Ne ahle Worschd, die wurde dann en "Dirrer Hund" genannt,
In heit'ger Zidd äs ro ne Worschd den meisten nit bekannt.

Au "Eckensteher" gab's bieh uns, am Altmarkt dahden se stehn,
Sä fleezden sich un räkelden, 's war manchmoh nit mehr scheen.
Gemiesenamen hadden se bieh jeden ahngebrachd,
Gälriewe, Gorke, Schnibbelbohn, die stannen vor der Schlagd.

Wann das de seel'ge Dibbenfrau nur eimoh kennde sehn,
Daß jetzt so iwwern Kenigsplatz de Wagen dähden gehn,
Se wirde gahken firchderlich un machen groß Geschrei:
Dä liewen Kinner, fahrt mäh doch de Dibben nit entzwei.


ANMERKUNGEN (von Paul Heidelbach)

Schinken-Willem

Von allen Kasseler Originalen hat sich der "Schinken-Willem" am längsten in der Erinnerung behauptet. Liegt doch seine Wirksamkeit um rund ein Jahrhundert zurück. Wir können uns also nur auf Gewährsmänner berufen. Er war der Schweinehirt für die Bewohner der Müllergasse und Umgegend. In zerlumptem, blauen Kittel und mit schnapsgerötetem Gesicht lockte er mit der Peitsche knallend die Schweine aus den Häusern, die er alle mit den Namen ihrer Besitzer anredete. Bei dem herbstlichen Kleinkrieg mit den Rothenditmolder Jungen war er Anführer der Kasseler Streitmacht. Ob er wirklich den Namen Schinken führte oder ob dieser in Beziehung zu seinem Beruf stand, läßt sich heute schwerlich noch fesstellen. Bildhauer Wilhelm Brandt schuf das wohlgelungene Modell einer Plastik von ihm.

Dibbenfrau

Frau Marle Magdalene Müller, die 1796 in Waldau geborene sog. "Dibbenmüllern", war, von jedem gekannt und geachtet, ein halbes Jahrhundert lang das Wahrzeichen des Königsplatzes. Ihren Mann, einen Töpfermeister, hatte sie schon 1848 verloren. Sie betrieb bei jedem Wetter an der Garnisonkirche hinter dem später durch das Scholl'sche Kaufhaus ersetzten Hallengebäude einen Handel mit irdenen Waren und betreute gleichzeitig die Habseligkeiten der Botenfrauen der Umgegend. Sie sah noch 1877 den Abbruch der ehrwürdigen alten Post am Königsplatz und im selben Jahr die Abfahrt der ersten Trambahn vom Königsplatz nach Wilhelmshöhe sowie 1881 die Eröffnung der neuen Post. Den Rangierbahnhof der Elektrischen auf dem Königsplatz hat sie nicht mehr erlebt. Bald nach dem 1886 begonnenen Abbruch des Hallengebäudes starb sie im 91. Lebensjahr am 6. November 1886.