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Wörterbucheinträge

KlowesSemantische Klasse KinderSemantische Klasse AnekdoteSemantische Klasse ZeitgeschichteSemantische Klasse Schimpfwort

  1. Hofmann: St. Nikolaus: am Abend des 6. Dezember, des "Klowestages",- erscheint den Kindern der Heil. Nikolaus, d.h. irgend ein Erwachsener in Verkleidung, und beschenkt sie je nach ihrem Gehorsam mit Aepfeln, Nüssen u. dergl. oder auch mit Schlägen
  2. verkleidete Person, besonders beim Schlachtefest; beim Schlachtefest erscheinen gewöhnlich abends nach dem Hauptschmaus verkleidete Burschen, machen allerlei Scherze und sagen Verschen her, die den Zweck haben, von dem Frischgeschlachteten ein schönes Teil für sich zu erlangen
  3. dummer, unbeholfener Mensch
  4. (In Kassel suchen zu diesem Zweck am "Klowesabend" die Kinder Häuser und besonders Läden auf, um durch Aufsagen von Versen Gaben zu heischen
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knubberenSemantische Klasse KücheSemantische Klasse AnekdoteSemantische Klasse Redensart

Hochdeutsch: kauen
  1. geräuschvoll kauen, wie z.B. scharfes Gebäck
  2. auch wie beim grasenden Vieh. "'Heerschde wie se knubberen (die Hämmel auf dem Bowlingreen), das es unze Musike', sahde mo 'n Mexder, dem de das Konzert ze diere war, zu sinner Familije"
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KobbSemantische Klasse AnekdoteSemantische Klasse Fremdsprache

Hochdeutsch: Kopf Obertasse
  1. Kopf: Obertasse (engl. cup) (Lüttebrandt-1: "Hä gehehrde eigendlich zu den Spinnen - hä hadde 8 Augen: zwei im Kobbe un sechse ahn den Fießen") [Kebbchen]
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LensenschmeckerSemantische Klasse PersonSemantische Klasse Anekdote

Hochdeutsch: Linsenschmecker
  1. Linsenschmecker: untergegangene Straßenpersönlichkeit, von der Straßenjugend verfolgt, ein Bauersmann mit Kötze, der einst überrascht worden war, als er sich in einer Familie die Linsen unerlaubt gut schmecken ließ
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NählebehderSemantische Klasse SchimpfwortSemantische Klasse Anekdote

Hochdeutsch: Nählepeter
  1. Nählepeter = Knedebiedel, Knedebart. Der "Nählebehder" ist mehr durch den Ton der Stimme, der "Knedebiedel" mehr durch das Breittreten oder die Schalheit seiner Unterhaltung unangenehm
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NohmasteSemantische Klasse TierSemantische Klasse Anekdote

Hochdeutsch: Nachmast
  1. Nachmast für in der Mast zurückgebliebenes Vieh. "Du kimmst in de Nohmaste" = du bist schlecht versorgt gewesen
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PudelSemantische Klasse TierSemantische Klasse AnekdoteSemantische Klasse Schimpfwort

  1. den Pudel machen, im Hauswesen die geringsten Arbeiten verrichten
  2. auch verwandt mit puschen, das sich auf Pfuscher und oft auch auf Bönhase bezieht
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Ridder, armeSemantische Klasse KücheSemantische Klasse Anekdote

  1. arme Ritter = in Milch geweichte, in der Pfanne gebackene und mit Zucker bestreute Wecke. Als die Schnudden feiner wurden, stellte man sie aus Zwieback her (Lüttebrandt-2)
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rusgewickeldSemantische Klasse KinderSemantische Klasse Anekdote

Hochdeutsch: rausgewickelt
  1. "De Ränne sin zu frieh rusgewickeld" sagt man von Leuten, die "nix liggen lossen wie heiß Eisen und Mählensteine". Die Redensart läßt darauf schließen, daß den kleinen Kindern die Hände in den Einbund gewickelt wurden, damit sie nicht nach allem greifen konnten (Lüttebrandt-2)
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schesserenSemantische Klasse SchimpfwortSemantische Klasse AnekdoteSemantische Klasse Person

  1. (unpersönl. Verb.): "äs schessert mech" oder "Herr Siewert, mech schessert"
  2. "äs werd me schesserig" 1) und 2) drücken bald das Bedürfnis, zu Stuhle zu gehn, aus, bald eine Bespöttelung der Rede eines andern, mit der Hinzufügung: "Ach, Herr Siewert!"13

Anmerkung 13: schesseren: Der frühere cand. theol. Otto Siebert (1822-1899) war Inhaber einer Privatschule zur Vorbereitung auf das Gymnasium. Seine Schüler pflegten, wenn sie während des Unterrichts "mal hinaus" mußten, zu rufen: "Herr Siebert, Herr Siebert!" Mit der Zeit war der Ausruf "Herr Siewert, mech schessert" in Kassel sprichwörtlich geworden. Wilhelm Bennecke schreibt in seinem Buch "Das Hoftheater in Kassel" über den Komiker Friedrich Hesse: "Hesse hatte nur einmal etwas anderes gesagt, als in seiner Rolle stand, und das war 'Ach, Herr Siebert!' gewesen, ohne daß er die Bedeutung dieses Aufrufs kannte. Als darauf ein donnernder Applaus losbrach und auch der Kurfürst, der in den Kasseler Redensarten sehr auf dem laufenden war, lachte, wurde Hesse stutzig. Er erkundigte sich näher nach dem geflügelten Worte und verschwor von nun an jedes Extempore."

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SchlenkerbeinSemantische Klasse ZeitgeschichteSemantische Klasse PersonSemantische Klasse Anekdote

  1. "Anne Marthe Schlenkerbein kimmt de ganze Nacht nett heim" (eine Tochter der berüchtigten Kasseler Diebesfamilie Schebe aus den 1830er Jahren)
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Schlibbchen KohlenSemantische Klasse GeldSemantische Klasse Anekdote

  1. Die Kohlenbauern von KaufungenLandkarte, WattenbachLandkarte und vom HirschbergLandkarte kamen mit ihren Fudern meist schon vormittags früh in die Stadt und riefen: "Kauf Kohlen - Kohlen kauf!" Die Kohlen wurden fuder- oder maßweise verkauft. Für den Kleinverkauf lag oben auf dem Wagen das Maß, eine Kiste von vorgeschriebener Größe ohne Boden. Die wurde auf das Pflaster gestellt, mit Kohlen gefüllt und dann abgehoben. Ein einspänniges Fuder hieß "Schlibbchen". Vorsichtige Bürger gingen früh am Morgen den Bauern auf der Leipziger StraßeLandkarte entgegen, um über den Preis zu verhandeln: "Was kostet dann das Schlibbchen?" Entweder trug der Bauer die Kohlen selbst in den Keller, oder es schloß sich ihm unterwegs irgendein Eckensteher an, der das "for fimf Wißpennige (das ganze Fuder), 'ne Dasse Kaffee un en Feddenbrod" besorgte. Lüttebrandt-1)
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schmackenSemantische Klasse SpielSemantische Klasse Anekdote

  1. "so schmissen, daß äs 'n ordentlichen Quatsch diehd"
  2. "bi'm spählen mit Waulen (Wackeln); net bi'm Knebsen, awer bi'm Schuckelen; in de Kudde schiewen uf den Bladden (Platten) oder werfen uf'm Blaster" (Pflaster)
  3. "einen so schmissen, schlahn, au werfen, daß hä met 'n Quatsch (Laut) an de Wand oder uff de Aehre(Erde) fällt"
  4. (Müller: "Mid Waggelen schbeeldeme am liebsden 'Schmacken'". "Me nahm z.B. 6 Waggelen in de Hand un sahde: 'Sechse bie', dann gab der annere sechs Waggelen derbii un schmess alle zwelwe in de 'Kudde'". "Wanne' grade Zahl in de Kudde kam, haddeme gewunnen, bie ungrade verloren") (vgl. auch: Schosse)
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SchosseSemantische Klasse SpielSemantische Klasse ZeitgeschichteSemantische Klasse KinderSemantische Klasse Anekdote

  1. allgemeine Bezeichnung für Schnellkügelchen, also für 1. "Kleiwachse" oder "Klimberde" (unglasierte, weiße, gebrannt) 2. "Schusser(de)", dieselben mit brauner Glasur 3. Wackelen oder Waulen, a) "gewähnegliche (gewöhnliche)", b) "Erweswackelen (erbsengroße)", c) lackierte Wackelen in verschiedenen Farben, rot, grün oder blau, und wie poliert, d) "Marmorwackelen", fleischfarbig mit etwas rotem Geäder, e) Agaad-(Achat)-wackelen. Nb. "Glaswackeln" gab's damals noch nicht; f) ein Bickert, wie 2. aber von der Größe eines Borstorfer Apfels, es wurde damit nicht geknebst, sondern nur gerollt. ("Wieviel Jahre best de ald?") Der Kauf- oder Kurswert war etwa folgender: 6 Wackelen (4 Hlr) = 12 "Klimperde" = 8 "Schusserde" = 3 lackierte Wackelen = 1 "Marmorwackel" = 1 Bickert; 2-3 "Marmorwackeln" = 1 "Agaadwackel" (bis in die Jahre 1839 bis 1844) (Müller: Waggelen) ( Bennecke Das Wackelspiel wird auf dreierlei Art betrieben: 1. Kuttenwerfen, wobei die Wackeln geschuckelt oder geschmackt werden 2. Anwerfen, wobei sie an die Erde geworfen 3. "Knibbsen", wo sie in der Drusel einfach aufeinandergeknibbst werden. Nur von dem "Wackelspiel" soll die jetzt verschwundene KutteneckeLandkarte ihren Namen bekommen haben) (vgl. auch schmacken.)
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Schurri!Semantische Klasse AnekdoteSemantische Klasse Redensart

  1. der alte Schlachtenruf, das "Kriegsgeheul" der Hessen
  2. "Schurri in'n Kohlenkasten": Pardauz in den Kohlenkasten; (ein Stürzen, Hervorbrechen, Daraufloseilen)
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SeildänserSemantische Klasse KücheSemantische Klasse AnekdoteSemantische Klasse Kasselsch

  1. = Wecke. Es gab drei Sorten Brödchen. Die "Wasserwecke" wurden "Seiltänzer" genannt, die Milchbrote "Laiwerchen" (Siehe: Leiwerchen), die Franzbrote hießen auch "Franzleiwerchen". Kaiserbrötchen kamen erst, "wie mä breißisch wurden" (Lüttebrandt-2)
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SetzwogeSemantische Klasse KleidungSemantische Klasse AnekdoteSemantische Klasse Beruf

Hochdeutsch: Setzwage
  1. Setzwage, für: Dreimaster, dreieckiger Hut, wie ihn die Leichenträger oder "Bullezeischerschanden" (Polizeisergeanten) in großer Uniform auch mit Gala bei feierlichen Gelegenheiten meist trugen
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StrausandSemantische Klasse AnekdoteSemantische Klasse Fremdsprache

Hochdeutsch: Streusand
  1. Streusand: "Ousand, Ousand!" war früher der Ruf der ZwehrenerLandkarteExterner Link "Sandburen" in den Straßen
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UllerichSemantische Klasse NameSemantische Klasse AnekdoteSemantische Klasse KleidungSemantische Klasse Schimpfwort

Hochdeutsch: Ulrich
  1. Ulrich, Tabakfabrik in der UnterneustadtLandkarteKirchplatz 7-9Landkarte. Die Tabakpakete hatten eine merkwürdige Form. Sie waren oben rund und dick (zylindrisch) und wurden nach unten platt und breit. Sie hatten annähernd die Form eines Frauenrocks. Man sagt von einer korpulenten Frau: Sie hat eine Taille wie ein Paketchen Ulrich (Lüttebrandt-1)
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unbeschlabberd un unberufenSemantische Klasse Anekdote

  1. etwas abergläubiger Ausdruck, um eine erhoffte Sache nicht zu verreden, weil sie durch das Sprechen über sie entweder nicht eintrete, oder gar ihr schlimmes Gegenteil
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UnglickerSemantische Klasse KasselschSemantische Klasse Anekdote

Hochdeutsch: Unglücke
  1. kasselscher Plural für Unglück: "Hahlt't mech oder ich fange Unglicker ahn": Haltet mich, oder ich stelle ein Unglück an (Der das sagt, ist weder durch Mut noch Kraft in seinem Zorne gefährlich.)
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unverkohrenSemantische Klasse Anekdote

Hochdeutsch: kränkend beleidigend derb
  1. "Ich hon kein unverkohrenes Wort gesahd": ich habe kein verletzendes Wort gesagt (Vilmar: "unverkoren": kränkend, beleidigend, mitunter auch für: ohne Rückhalt, gerade heraus, derb. Diese volksmäßige Verwendung des alten unverkorn (von verkiusen) entwickelt sich aus der ursprünglichen Bedeutung von unverkorn ganz leicht: verkiusen bedeutet: sich nicht um etwas kümmern, für gering oder für nichts achten; unverkorn bedeutet folglich ursprünglich unvergessen der Haß ist noch lebendig. Ein "unverkorn Wort" ist mithin ein solches, dessen man nicht vergessen kann, dessen man gedenken muß)
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VisiddeSemantische Klasse KleidungSemantische Klasse BerufSemantische Klasse AnekdoteSemantische Klasse Fremdsprache

Hochdeutsch: Besuch Visite
  1. (frz. visite) Besuch, namentlich von Berufs wegen (Inspektor usw.)
  2. Feiervisidde: Kommission, welche die Wohnungen inspiziert, ob die Heiz- und Kochfeuerungen in sicherem Stande sind
  3. auch Art Mantille
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VissemadendenSemantische Klasse AnekdoteSemantische Klasse ZeitgeschichteSemantische Klasse Person

Hochdeutsch: Vorwände Vorspiegelungen Fisimatenten
  1. auch: Vizemadenden: Vorwände, Vorspiegelungen (In der \'Gartenlaube\'Externer Link Jahrg. 1880, Nr. 37 hat die Schriftstellerin W. HeimburgExterner Link dieses Wort so gebraucht und "Fisematenten" geschrieben.) [In der Geschichte UnverstandenExterner Link]
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WeckewerkSemantische Klasse KasselschSemantische Klasse KücheSemantische Klasse Anekdote

  1. Wurstgehacktes mit Semmel drunter geknetet (NB. Auf einem einliegenden Zettel notiert sich Heinrich Jonas noch folgende Zusammensetzungen: Kennerwerk, Klapperwerk, Merwelwerk, Nachdwerk, Spälwerk, Zockerwerk, Mullwerk, Beddewerk, Blagenwerk, (In)Duckewerk, Griemelwerk, Mewelwerk, Inschlachdewerk, Schlachdewerk, Schnuckewerk.)
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WibbermännchenSemantische Klasse GeldSemantische Klasse PersonSemantische Klasse Anekdote

  1. Wibbermännerchen: kurhessische 1- und 5-Talerscheine, herausgegeben unter [Karl Wilhelm] WippermannExterner Link, Exz.16 [Vgl. Kurhessen seit dem FreiheitskriegeExterner Link]

Anmerkung 16: Wibbermännchen: Der kurhessische Finanzminister Wilhelm Wippermann (1800-1857) hatte bei der wachsenden Finanznot des Landes zum erstenmal Papiergeld ausgegeben, das im Volksmund nach ihm benannt wurde.

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YpsilantiSemantische Klasse AnekdoteSemantische Klasse ZeitgeschichteSemantische Klasse Kleidung

  1. ein klein "gedubbdes" oder "gedibbeldes" Baumwollenzeug, von Ende der 1820er bis in die 1840er Jahre als Kleiderstoff getragen zu Ehren des Helden im griechischen Befreiungskriege
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ZedderengelSemantische Klasse Anekdote

Hochdeutsch: Zitterengel
  1. kunstvolle Skulptur: Engel an aufrecht stehendem Draht als schwebend und fliegend dargestellt (Produkt des Weihnachtsmarktes) [Zeddervochchel]
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ZiehledderSemantische Klasse Anekdote

Hochdeutsch: Saugleder
  1. Saugleder, etwa 20 Quadratzoll großes Stück Leder, in dessen Mitte ein starker Bindfaden befestigt ist; angefeuchtet und auf den Pflasterstein festgetreten, saß es so fest, daß man mittels des Bindfadens den Stein aus dem festesten Pflaster herausziehn konnte
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ZisselSemantische Klasse KasselschSemantische Klasse ZeitgeschichteSemantische Klasse Anekdote

  1. wilde, rohe Musik, ausgeführt von einer Anzahl Dilettanten, d.h. mit improvisierten Instrumenten, nebst Illumination in Biergärten, besonders auf dem "Bunten BockLandkarte" und auf der Fulda großes Sandschiff und an dreißig kleine Kähne. (Im Anfang der 1850er Jahre, als wir unter der "Mißregierung" so "unglücklich" waren).18

Anmerkung 18: Zissel: Name, Herkunft und Alter des Zissels sind immer noch nicht restlos geklärt. Das Wort scheint nur für Kassel belegt zu sein. Wenn Grassow das Zeitwort "zisselen" mit "zerstreuen, verzetteln" erklärt, so läßt sich diese Bezeichnung auch auf die auf dem Wasser zerstreuten Schiffe beziehen. Die in den letzten Jahren oft in der Presse aufgestellte Behauptung, daß die Gilde der Kasseler Schiffer und Fischer schon vor 600 Jahren im Sommer ihren Zissel gefeiert hätte, entbehrt jeder Grundlage. Die Kasseler Fischer und Schiffer sind urkundlich weder als Gilde besonders in Erscheinung getreten, noch ist ein solcher festlicher Brauch für so frühe Zeit irgendwie belegt. Ebenso abwegig ist die Behauptung, der Zissel sei die von den Fischern und Schiffern gefeierte Kirmes der 1526 abgebrochenen Cyriakuskirche auf dem Marställerplatz gewesen, wobei man Zissel sprachlich mit Cyriakus in Verbindung bringen wollte. Völlig undiskutabel ist auch der Versuch, das Wort Zissel zu der slawischen Mondgöttin Ziselbog in Beziehung zu bringen. Man hat dann auf Wasservergnügungen des Hofes, und deren spätere Nachahmung durch die Bürgerschaft hingewiesen, aber auch das ohne zwingende Begründung. Aus den Aufzeichnungen des am Kasseler Altmarkt wohnenden Kaufmanns Sattler wissen wir, daß man schon zu Ende des 18. Jahrhunderts auf einem flußaufwärts gezogenen Sandkahn mit Familie und Gästen Vergnügungsfahrten nach Freienhagen und anderen an der Fulda gelegenen Orten unternahm, wobei anzunehmen ist, daß bei eintretender Dunkelheit die Kähne auch beleuchtet wurden. Wir kennen auch eine Federzeichnung des Kasseler Malers Ludwig Emil Grimm, die eine solche vergnügliche Wasserfahrt mit Musik aus dem Jahr 1845 darstellt. In Kasseler Tageszeitungen der 1860er Jahre wird wiederholt Ende Juli oder Anfang August zu abendlichen Wasserfahrten auf der Fulda eingeladen, zu denen man am Eingang zur Karlsau beim Aupförtner und Gastwirt Ost einstieg. So berichtet die "Casseler Tagespost" vom 30. Juli 1863: "Dienstagabend hatte die bis jetzt noch immer in magisches Dunkel gehüllte "Chatouile" unter dem Zudrange unzähliger Schaulustiger sich in magische Beleuchtung gesetzt. Auf der Fulda schwamm, reizend illuminiert vom Bord bis zu der Mastspitze, das Admiralschiff der Gesellschaft und wurde von einer bedeutenden Anzahl kleinerer Fregatten und Linienschiffe begleitet. Musik wechselte mit Gesang, Raketen, Feuerrädern, Leuchtkugeln und bengalischem Feuer ab, und hauptsächlich war es letzteres, welches das dunkle Grün der Karlsaue, die altertümlichen Häuser am Ufer der Fulda und die Tausende von Zuschauern in herrlichem Glanze erscheinen ließ. Der ins Dunkle gehüllten Gesellschaft für diese Lichtblicke im Kasseler Leben den "besten Dank!" Aus den Akten der 1830 gegründeten Kasseler "Liedertafel" geht hervor, daß diese u. a. auch Ausflüge nach Freienhagen unternahm, von wo man zu Schiff unter Fackelschein zurückkehrte. Es sei noch erwähnt, daß auch Lüttebrandt ("Gasgenaden un Schmaguggen", 2. Aufl. S. 144) gleich Grassow den Zissel nicht nur auf Wasserfahrten beschränkt, wenn er ihn definiert als "Veranstaltung irgend welcher Lustbarkeit. Früher Volksbelustigung mit Kahnfahrt auf der Fulda in beleuchteten Schiffen". Mit der Zeit kamen diese bescheidenen Wasserfahrten mehr und mehr in Vergessenheit, bis um 1911 die am Fuldadamm gelegenen Badeanstalten und Schwimmvereine ihre mit abendlicher Illumination und Beleuchtung der Kähne verbundenen Vereinsfeste begingen, an denen in wachsendem Maße auch die Bevölkerung teilnahm. Am 8. August 1926 wurde der offiziell so genannte "Kasseler Zissel" nach langer Unterbrechung unter Mitwirkung des Verkehrsamtes in veränderter Form zu neuem Leben erweckt. Aus der alten Wasserkirmes von damals wurde eine großzügige Apotheose des gesamten Kasseler Wassersportes unter Verwertung der modernen Feuerwerks- und Beleuchtungstechnik, ein Strandfest mit Illuminierung der Boots- und Klubhäuser sowie der zugehörigen Schiffe. Dieses Fest mit seiner zauberhaften Beleuchtung war somit, zugleich als vornehme Fremdenwerbung, zu einem wirklichen Volksfest geworden. Seit 1933 wurde dann der Zissel in einen immer breiteren Rahmen gespannt. Man stempelte ihn zum Heimatfest der gesamten Stadt, zum "Lichtfest der Hunderttausend" und rückte dabei auch die Altstadt in den Mittelpunkt der Veranstaltung. Das Fest wurde auf dem Marställerplatz unter Läuten der Marstallglocke mit dem "Zisselvorgeschmack" eröffnet, wobei man einen ganzen Hering in das Gehege der Zähne versenkte. Als Symbol des Durstes wurde am Rondel ein über drei Meter langer Hering feierlich gehißt, der in verkleinerter Form als Festabzeichen getragen wurde. Dem allen machte der zweite Weltkrieg ein jähes Ende. Da sich vermutlich Näheres über Ursprung und Alter des Zissel nicht mehr ermitteln läßt, seien nachfolgend noch einige Beantwortungen einer von mir 1937/38 angestellten Rundfrage angeführt. Herr Architekt Franz Zahn teilte mir mit, der frühere Besitzer des "Dörfchens" in der Unterneustadt, Zahn, habe seinen Kindern erzählt, daß der Zissel von den Schiffern und Fischern der Fulda gefeiert wurde; wahrscheinlich hätten sich dann auch die Stammgäste des "Dörfchens" beteiligt. Der verstorbene Justizrat Wilhelm Landgrebe, ein guter Kenner der Kasseler Verhältnisse, schrieb mir: "Wäre die Bezeichnung 'Zissel' eine von alter Zeit überkommene, so würde ich, der ich 74 Jahre in Kassel gewesen und von 1863 bis 1887 am Pferdemarkt gewohnt habe, doch sicher einmal davon gehört haben. Ich kenne den Zissel nur seit den letzten Jahren, in denen der gesteigerte Badebetrieb an der Fulda ein Fest für sich verlangte. Der Name scheint mir von einer Verkleinerungsform von "zausen" zu kommen, die sich in dem in Kassel mundartlich gebräuchlichen "zisselen", insbesondere "verzisselen" betätigt hat: er hat sein Geld, seine Zeit verzisselt = für Nichtigkeiten ausgegeben, verwendet. Dazu kann natürlich auch das Vertrinken kommen. Ich habe wohl auch einmal gehört, daß die Anlieger der Fulda vor längeren Jahren an einem schönen Sommerabend in lampiongeschmückten Kähnen gemeinsam auf der Fulda gefahren sind und dazu ein Fäßchen Bier mitgenommen und fröhliche Lieder gesungen haben. Ob man solche Vergnügungen Zissel genannt hat, weiß ich nicht, halte es aber für möglich, und es mag auch sein, daß sich daraus der Sprachgebrauch "einen zisseln" für "einen trinken" gebildet hat. In der Unterneustadt befand sich in meiner Jugendzeit die große Stammgesellschaft "Dörfchen" bei dem damaligen Wirt Zahn, in der außer Unterneustädtern auch viele Gäste, so Lehrer am Gymnasium (Püttgen, Kius, Riedel) und Kammermusiker sowie bekannte Bürger (Optiker Heß) und viele Ärzte des Landkrankenhauses (Charite) verkehrten. Sie hatten unter Leitung des Kammermusikus Wittenbecher eine Kapelle gegründet und feierten stark besuchte und musikverschönte Bierabende, die Manchesterabende genannt wurden und stadtberühmt waren. Sie hatten also mit Fahrten auf der Fulda nichts zu tun, die von Gärtnern und sonstigen Schiffsbesitzern gemacht und Zissel genannt worden sein sollen". Der im Alter von 90 Jahren 1945 verstorbene Zolldirektor August Woringer, gleichfalls ein trefflicher Kenner Altkassels, beantwortete meine Frage mit folgenden Zeilen: "In meiner Jugend, etwa in den Jahren 1862-1866, habe ich den Zissel auf der Fulda mehrfach von der alten Brücke aus mit angesehen. Gewöhnlich wurde er von der "Liedertafel" und, wenn ich nicht irre, auch vom "Männer-Gesangverein" veranstaltet. Es wurde dazu ein, erforderlichenfalls auch noch ein zweites Sandschiff gemietet. Diese Schiffe brachten damals Fuldakies, der oberhalb Berghausens gebaggert wurde, zur Schlagd. Das Schiff wurde mit einigen Papierlaternen ausgeschmückt und vor allen Dingen mit einem nicht zu kleinen Fasse Bier versehen. So fuhr man etwa von der Stelle der jetzigen Drahtbrücke bis vor die alte Brücke und zurück, etwa eine Stunde lang, singend hin und her. Dann zog man in das betreffende Vereinslokal zum Schlußschoppen. Wie die Schiffe fortbewegt wurden, weiß ich nicht mehr, vermutlich durch Rudern. Das war ja bei der durch das alte Wehr verursachten Stauung der Fulda nicht allzu schwer. Flußabwärts ließ man sich treiben. Unter der Brücke durch wurde nicht gefahren, weil hinter der Brücke flußabwärts der Strom nach dem Mühlgraben der jetzt Vogtschen Mühle einsetzte. Ich habe später oft selbst dort gerudert, der Strom drängte stark nach dem alten Wehr hin. Auch bei der Durchfahrt zwischen den beiden Eisbrechern, den alten Brückenpfeilern, mußte des Stromes wegen aufgepaßt werden. Die Leute des Besitzers der Sandschiffe, des "Admirals" Schäfer - im Festzug des 18. Oktober 1863 fuhr er in Admiralsuniform in einem seiner Boote auf einem Wagen mit - leisteten diese Arbeit gegen Bezahlung und gute Verköstigung gern. Ob auch die Stammgesellschaft im "Dörfchen" soche Zissel veranstaltet hat, weiß ich nicht, glaube es aber kaum. Bestimmt weiß ich es aber nur von der "Liedertafel" und wahrscheinlich vom "Männer-Gesangverein". Selbstverständlich sammelte sich auf der alten Brücke und auf der Schlagd - auf das Rondel konnte man ja damals nicht hinauf - eine zahlreiche Zuschauermenge. Aber von einem allgemeinen "Volksfest" war keine Rede. Es war nur eine private und recht bescheidene Veranstaltung." P. H.

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